Abrahams
 
Herberge
Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Beit Jala/Palästina


Lebenslauf

Jadallah Shihadeh ist in Kuwait als Sohn palästinensischer Eltern geboren worden, damals hat sein Vater dort gearbeitet. Seine Familie ist von Beit Jala; dort ist er groß geworden, und dieser Stadt dient er jetzt als Pfarrer der ev.-luth. Gemeinde.

Für die schulische und theologische Laufbahn von Jadallah Shihadeh waren zunächst zwei Ereignisse bedeutsam. Jadallah Shihadeh hat durch seine Mutter die deutsche Schule Talitha Kumi in Beit Jala kennen gelernt, und er hatte Kontakte zur Gnadenthaler Jesusbruderschaft in Latrun:

  • Durch die Geschichte von der Auferweckung des Töchterlein des Jairus (Mk 5,21-43) hat Jadallah Shihadeh etwas Wichtiges gelernt: Gottvertrauen. „Selbst in den schlimmsten Zeiten und den schlimmsten Anfechtungen können wir begegnen und sie überwinden, wenn Gott mit uns ist und wir eine Vision und ein Ziel haben.“
  • In Latrun hat er die Bemühungen der Jesusbruderschaft bei der Versöhnung mit den Juden kennen gelernt.

Jadallah Shihadeh hat in West-Berlin und in Tübingen Theologie studiert, und er ist 1986 ordiniert worden. Sehr bald wurde er dann Pfarrer seiner Heimatgemeinde, und seit 1996 ist er Synodenpräsident der ev.-luth. Kirche in Jordanien. Die Wurzeln des Christseins von ihm und seiner Vorfahren geht auf die Apostelzeit zurück, auch wenn die lutherische Kirche erst seit 1841 in Palästina ansässig ist. In Tübingen hat er seine Frau Hannelore kennen gelernt, und sie haben vier Kinder: Klara, Caroline, Muna und Musa. Seit Oktober 2004 studiert die älteste Tochter Medizin in Deutschland.

Anfang seiner Vision

Jadallah Shihadeh hielt 1986 einen Vortrag in Berlin zum Fest des Jerusalem-Vereins des Berliner Missionswerkes über die Lage der Christen im Hl. Land zur Zeit der Intifada. Viele Menschen wollten hören, wie es den Menschen in Palästina ging. Am Ende des Vortrages hat er folgenden Satz gesagt:

„Das Glück des einen Volkes hängt vom Glück des anderen Volkes ab. Der Segen des einen Volkes hängt vom Segen des anderen Volkes ab.“

Damals haben die Menschen ihn entsetzt angeschaut. Im Saal gab es zwei Gruppen. Die eine Gruppe vertrat die damalige Ideologie des Berliner Missionswerkes und war pro-palästinensisch; sie konnte es nicht verstehen, dass Jadallah Shihadeh behaupten konnte, dass das Glück Palästinas vom Glück Israels abhinge. Sie hatten ein anderes theologisches Verständnis; sie glaubten nicht, dass Israel ein Verheißungsträger ist – und wer kein Verheißungsträger ist, kann auch nicht zum Segen für andere werden.

Die andere Gruppe kam von der pro-israelischen Theologie her, und sie konnte nicht anerkennen, dass das Glück Israels vom Glück Palästinas abhängen soll. Jadallah Shihadeh hat mit dem biblischen Gebot der Nächstenliebe aus der Torah argumentiert:

„Du sollst deinen Nächsten lieben, weil er wie du ist.“

Damals hat man das nicht akzeptiert. Heute wird dieser Satz nicht von allen, aber doch von vielen akzeptiert, was für Jadallah Shihadeh ein Zeichen ist, dass sich nicht die radikale Seite durchsetzt, sondern die tolerante.

 
Jadallah Shihadeh als Anhänger der Hegelschen Geschichtsphilosophie

In einem Interview mit der Zeitschrift „Religionen in Israel“ sagte Jadallah Shihadeh im Jahre 1998, dass heute beide Seiten miteinander reden; das sei keine leichte Aufgabe gewesen, weil dem ein Berg von Angst und Misstrauen entgegenstand, und Fanatiker versuchten, den Friedensprozess zu stören. Aber die Völker reden trotzdem miteinander, und sie erkennen die Realität an. Sie reden anders voneinander. Es gibt Frieden zwischen Israel und Jordanien, und es wird zu einem Frieden zwischen Syrien und Israel kommen.

Das ist die Hoffnung von Jadallah Shihadeh; die Geschichte selbst spricht für die Hoffnung, und beide Völker werden begreifen, dass es vernünftig ist, miteinander zu reden und sich zu einigen.

Jadallah Shihadeh ist Anhänger der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Mit Hegel glaubt er, dass sich die Geschichte von ihrer Natur her zum Guten hinwendet. Ebenfalls 1998 sagte er:

„In der Geschichte gibt es genug Beweise. Wer hätte nach dem 2. Weltkrieg je gedacht, dass es zu einer demokratischen Entwicklung in Europa kommt oder dass die Mauer fällt.
Oder wer hätte an eine Begegnung zwischen Israel und Palästina gedacht? Wer hätte je gedacht, dass sich Israelis für die Palästinenser und Palästinenser – wenn auch wenige – sich für die Israelis einsetzen.“

Das ist für Jadallah Shihadeh, auch wenn die derzeitige Situation dagegenspricht, ein Zeichen, dass sich die Geschichte zum Guten wendet und die Fanatiker keine Chance haben.

„Vielleicht haben sie die Chance für eine kurze Zeit, aber dann werden die Menschen merken, dass Fanatiker nicht das verheißene Glück bringen. So ist der Ostblock zerfallen, der den neuen Menschen und eine neue Weltordnung versprochen hatte.“



Abrahams Segen wirkt weiter

Dieser theologische und weltanschauliche Hintergrund hat Jadallah Shihadeh dazu bewegt, eine Begegnungsstätte in Beit Jala zu bauen. Sie trägt den Namen Abrahams Herberge.

Der Name erinnert daran, dass Abraham zwei Söhne hatte: Ismael, den Sohn der Hagar, und Isaak, den Sohn der Sarah. Beide Kinder sind Verheißungsträger. Abraham wurde also der Vater zweier Völker und Religionen. Später gesellten sich zu diesen die Christen als „geistige Kinder Abrahams” (Schalom Ben Chorin).

Der Segen für den einen Bruder schließt den Segen für den anderen Bruder nicht aus. Aus dieser biblischen Geschichte der hebräischen Bibel stammt die oben erwähnte These im Hinblick auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern:

„Das Glück des einen Volkes hängt vom Glück des anderen Volkes ab, oder genauer gesagt: Der Segen des einen Volkes hängt vom Segen des anderen Volkes ab.“

Jadallah Shihadeh sagt dazu:

"Wir dürfen nicht vergessen, dass die beiden Kinder Abrahams miteinander gespielt haben. Aber die Vertreibung der Hagar aus dem Haus Abrahams trennte die beiden Söhne, bis sie am Grab des Vaters in der Höhle Machpela in Hebron wieder zu einander fanden (Gen 25,9)."

„Wenn wir klug sind, dann einigen wir uns, bevor es zum Tode des Vaters kommt. Mit anderen Worten und im Kontext gesprochen: Wir sollen uns einigen, bevor es zur Katastrophe kommt, und die Katastrophe ist nicht mehr weit von uns.“ Auch diese Worte stammen aus dem Jahr 1998.

In Abrahams Herberge können sich die Kinder Abrahams begegnen und einigen, und sie können damit in einer krisendurchschüttelten Region ein Beispiel geben. Jadallah Shihadeh denkt dabei zuerst an Jugendliche aus Israel und Palästina, aus dem Nahen Osten und aus aller Welt. An Jugendliche denkt er deshalb, weil sie von ihrer jeweiligen Geschichte weniger belastet sind als ältere Menschen. Abrahams Herberge soll aber auch ein Gästehaus sein, ein Ort, an dem Erwachsene sich begegnen können.




Ziel der Begegnungsstätte

Abrahams Herberge soll offen stehen für Freunde aus dem Kreis aller Kinder Abrahams. In Abrahams Herberge sollen sie sich treffen, miteinander reden, Hemmungen, Ängste und Vorurteile abbauen, Hass überwinden. Die Vision, die hinter der Arbeit der Abrahams Herberge steht und die alle Mitarbeitenden bewegt, ist: Palästinenser und Israelis, Juden, Christen und Muslime werden einander die Hand geben und werden einander ohne Heuchelei küssen.

Worte von Martin Buber beschreiben Sinn und Ziel der interreligiösen Arbeit in Abrahams Herberge:

„Die Gemeinschaft der Menschen ist ein angelegtes Werk, das unser harrt: ein Chaos, das wir zu ordnen, eine Diaspora, die wir zu sammeln, ein Widerstreit, den wir zu versöhnen haben. Dies aber können wir einzig dadurch, dass jeder von uns an seiner Stelle, im natürlichen Bereich seines Zusammenlebens mit den Menschen das Rechte, das Einigende, das Gestaltende tut: weil Gott durch ihn, also durch uns, nicht geglaubt, nicht erörtert, nicht verfochten, sondern verwirklicht werden will.”


 
 

Geschichte
Pfarrer
Kirchenvorstand